Politische Linke
 

Repräsentant Deutschlands?

»Das wichtigst ist, scheint mir, Unbehagen an Einrichtungen des Bürgertums zu schaffen.«

Als Fassbinder sich in den 70er Jahren mit der BRD auseinander zu setzen begann, da blickte er auf die Zeit des Wirtschaftswunders in den 50ern zurück und sah eine Gesellschaft, die zwar geschäftig, aber dennoch nicht in Bewegung war. Oberflächlich schien diese Gesellschaft erfolgreich und respektabel gegenüber der Außenwelt zu sein,

im innern war sie jedoch für ihn moralisch unbeweglich, ultra-konservativ und mit einer Selbstsicherheit maskiert, die nicht über die Blindheit gegenüber der eigenen Vergangenheit hinwegtäuschen konnte.

Filme in denen er eine Gesellschaft zeigt, die konformistisch, unreif, spießig, aber auch gewalttätig in der Art ist, dass sich diese Gewalt nach innen und außen entlädt, sind u.a. Warum läuft Herr R. Amok?, Händler der vier Jahreszeiten, Angst essen Seele auf, Wildwechsel oder Angst vor der Angst.

Dennoch kann er nicht als Vertreter der politischen Linken gesehen werden. Vielmehr versuchte er eine Gegenposition zu ihr einzunehmen, die nahe an der linksliberalen Position lag. So wie viele andere war auch Fassbinder vom Scheitern der 68er Revolution enttäuscht. Andererseits herrschte große Enttäuschung und Desillusionierung darüber,

dass sich autoritäre Staatsstrukturen bis in das Nachkriegsdeutschland herübergerettet hatten und die liberale Entwicklung nicht gelungen war. Er verabscheute jedoch Gewalt und konnte sich auch im späteren Verlauf nicht mit den Terrorakten der RAF einverstanden erklären. Vielmehr hielt er diese Akte für dumm und selbstzerstörerisch.

Obwohl er stets offen seine Kritik an den Mächtigen, dem Missbrauch von Privilegien und dem Kapitalismus äußerte, so war er nicht, wie viele Intellektuelle der 70er Jahre, an einer direkten politischen Intervention interessiert. Vielmehr äußerte er z.B. in Die Niklaushauser Fart (1970) Kritik an radikalem Aktionismus und linksradikaler Militanz.

Ganz gemäß der Marx'schen Lehre aber auch in Anlehnung an die Theorien der Frankfurter Schule sah Fassbinder nur das »wahre Leben im Falschen«. Für ihn war das alles beherrschende System der Warenwelt der Grund, warum es keine Rückzugsmöglichkeit und Daseinsmöglichkeit für private Gefühle mehr gab.

Alle menschlichen Beziehung sah er von dem Mechanismus von Herrschaft und Knechtschaft vereinnahmt, was schließlich dazu führte, dass es auch in seinen Filmen oftmals zur absoluten Verzweiflung oder Selbstzerstörung der Charaktere kam.

Für seine Filme gilt, dass die Wirklichkeit, ob nun historisch oder gegenwärtig, nie direkt abgebildet wird. Die Wirklichkeit seiner Filme ist ebenso Medienrealität, wie ihr Fokus das gegenwärtige Deutschland bleibt, so wie er es gesehen hat.

In seinen Filmen taucht immer wieder eine Sehnsucht nach dem wahren wirklichen Leben auf, das jedoch in einem unüberwindlichen Falschen, Entfremdeten erst aufzudecken ist. Diese Sehnsucht führt er in seinen Charakteren bis zu ihrer Selbstdestruktion fort. Denn ein »Wahres Leben im Falschen« ist eben nicht wirklich, weil es eben doch falsch ist.

»Unsere Beziehungen sind ja deshalb grausame Spiele miteinander, weil wir unser Ende nicht als etwas Positives anerkennen. Es ist positiv, weil es wirklich ist. Das Ende ist das konkrete Leben. Der Körper muss den Tod verstehen.«

War er mit dieser Art des Filmemachens ein Repräsentant für Deutschland? Während sich zwar in Deutschland eine Generation des Autorenkinos entwickelte (sowohl in den 50ern wie auch in den 60ern), so galten diese erstaunlicher Weise nur im Ausland als Repräsentanten Deutschlands, nicht jedoch in Deutschland selbst.

Dort herrschten die Filme Hollywoods vor bzw. solche Fernsehproduktionen, die entweder Komödien waren (man denke an Peter Kraus) oder eben den »guten alten deutschen« Film verkörperten. Wer galt also als Repräsentant für Deutschland? Dies waren oftmals die Regisseure und Autoren, die auf den internationalen Filmfesten in Cannes, Venedig oder Berlin mit ihren Autorenfilmen für Aufsehen sorgten.

Doch wo ist hier Fassbinder zu verorten? Er saß eher zwischen den Stühlen: Von den Regisseuren der zweiten Generation passte Fassbinder mit seinen ausgeprägten regionalen Wurzeln, seiner Liebe zum Hollywood-Film und seinem Glauben an das Genrekino in keine der gängigen Kategorien. Eigentlich bot er sich gerade am wenigsten an, als Repräsentant Deutschlands zu fungieren.

Fassbinder bot weder ein Abbild der bedeutsamen Probleme des Nachkriegsdeutschland, noch bot er eine Fiktion eines möglichen Wiedererkennens alter Bilder an, mit Ausnahme vielleicht von Effi Briest und Die Ehe der Maria Braun. Seine Kollegen wie Alexander Kluge oder auch Volker Schlöndorff arbeiteten da weitaus analytischer und mit einem sozio-politischeren Ansatz als er.

Betrachtet man Fassbinder in der Riege anderer international bekannter Regisseure, so ist er nicht ohne weiteres als Repräsentant für Deutschland zu titulieren. In erster Linie war er Vertreter der Gegen-Kultur der 70er Jahre, einerseits als Leitfigur, andererseits als Sündenbock.

Anders als seine internationalen Kollegen wusste Fassbinder, dass es nicht ausreichen würde, nur ein »kritisches Verhältnis« zu Deutschland und seiner Geschichte zu thematisieren, um ein repräsentativer Deutscher zu sein. Vielmehr ging es ihm um den Entwurf einer anderen Form der Selbstdarstellung.

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