Neuer Deutscher Film
 

»agent provocateur«

Was war neu an dem Neuen Deutschen Film? Und was machte Fassbinder zu seinem Vertreter?

Die erste, eher kritisch auftretende Riege deutscher Filmemacher (60er) nach dem 2. Weltkrieg orientierte sich stark an der Nouvelle Vague in Frankreich und wurde dadurch zu einem Minoritäten- und Außenseiterkino. Erst ein Jahrzehnt später, mit den Filmen der zweiten Generation des deutschen Films, die Regisseure wie Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders hervorbrachte,

wurde Fassbinder zu einer Art Nationalikone, und zwar während der politischen Krisen der siebziger Jahre, die die Selbstdefinition und den sozialen Konsens der westdeutschen Nation zutiefst erschütterten. Fassbinder gehörte somit zur zweiten Generation des Neuen Deutschen Films, d.h. zu den deutschen Filmschaffenden nach dem "Oberhausener Manifest".

Erstaunlich ist, dass Fassbinder als Vertreter dieses Genres eine unglaubliche Professionalität bewies, obwohl er unter Kollegen als "Genie der Improvisation" (»er hat ja meistens nur eine Klappe gedreht!«) bekannt war, aber mit seiner Ungeduld und seiner unendlichen Produktivität überzeugte.

Aus heutiger Sicht besonders interessant: Ohne das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das in den 70ern noch als kulturelle Institution fungierte, wäre Fassbinders Erfolg kaum möglich gewesen. Der WDR war ihm stets ein verlässlicher Partner, von Beginn an.

So verdankt er dem öffentlich-rechtlichen Sender nicht nur seinen erfolgreichen Einstieg in das Fernsehgenre mit der Verwirklichung seines umstrittenen agitatorischen Revolutionsspektakels Die Niklashauser Fart (1970), sondern über die Jahre seine zahlreichen Fernseherfolge bis hin zu der Verwirklichung seines letzten Fernsehprojekts Berlin Alexanderplatz (1980).

Oftmals stießen seine Filme auf Ablehnung oder auch auf Widerstand. Obwohl der WDR stets sein großer Förderer war, sah sich Fassbinder 1971 dazu gezwungen eine eigene Produktionsfirma, die Tango-Film zu gründen.

Provokativ und anstößig war dieser Rainer Werner Fassbinder auch, weil er sich schonungslos und öffentlich in seinen Filmen als Person exponierte: Nackt, mit offen zur Schau getragener (verwundeter) Seele und drastischen Szenen, wie beispielsweise die Szene,

in der seine Mutter dazu veranlasst wird zu sagen, dass die Situation in Deutschland, wie sie sich derzeit gestaltet (Deutschland im Herbst 1978), nur durch einen autoritären Herrscher in den Griff zu bekommen sei - schonungslos und drastisch!

Fassbinder wurde schon bald nach seinem Tod zu DEM deutschen Autorenfilmer, dennoch sollte nicht unterschlagen werden, dass er - anders als ein Wim Wenders oder Werner Herzog - nicht dem Bild des romantischen Künstlers nacheiferte oder gar dies zum Sinnbild seiner Arbeit machte. Fassbinder sah seine Kunst vielmehr im Kollektiv und durch die Methode der Collage realisiert.

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