2. Schaffensphase
 

1970-1976/77

Fassbinder wendet sich nun zunehmend dem Film hin, öffnet sich damit dem Massenpublikum und produziert während der 70er Jahre fast ausschließlich Fernseh- und Kinofilme. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre beeindruckt Fassbinder vor allem durch seine grenzenlose Produktivität.

Innerhalb eines Jahres verfilmt er Das Kaffeehaus, Whity, Die Niklashauser Fart, Der amerikanische Soldat, Warnung vor einer heiligen Nutte und Pioniere in Ingolstadt. Die Niklashauser Fart ist unter dem Eindruck der gescheiterten Studentenrevolte von 1968 entstanden. Ebenfalls eine Zeit, in der das wachsende Bewusstsein für die Probleme des Neokolonialismus im Gefolge

des Vietnamkrieges und die Befreiungskämpfe in Lateinamerika zur Entstehung einer radikalen, terroristischen Fraktion innerhalb der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beitrug. Dies bleibt der einzige Film, in dem Fassbinder auf spezifische Inhalte und Debatten, mit ganz speziellen Darstellungsformen auf das Thema des Terrorismus eingeht.

In Der amerikanische Soldat greift Fassbinder das Thema der Frauenfeindlichkeit und Homoerotik auf: In Anlehnung an den klassischen "film noir" stellt er eine Männerfreundschaft dar, die durch eine eifersüchtige Frau zerstört wird und in Betrug und gewaltsamem Tod endet. Der Protagonist ist der deutsch-amerikanische Vietnam-Veteran Ricky, der nach Deutschland kommt und zum Auftrags-Verbrecher degradiert wird.

In dem Film Warnung vor einer heiligen Nutte geht es um das Filmemachen selbst. Angeblich hat Fassbinder hier die Komplikationen und Eindrücke der Dreharbeiten zu Whity verarbeitet. Ein Film, der sich mit der Meta-Ebene des Filmemachens beschäftigt. Ebenfalls im Jahr 1970 schreibt er zwei Hörspiele, Preparadise sorry now und Ganz in weiß.

Im Jahresrhythmus verfilmt er Händler der vier Jahreszeiten (1971) und die Familienserie Acht Stunden sind kein Tag (1972) u.a. mit Hanna Schygulla und Werner Finck. Die umstrittene Serie wird jedoch nach acht Folgen bereits wieder abgesetzt - da zu gesellschaftskritisch. Mit dem Film Händler der vier Jahreszeiten beginnt Fassbinders Historiographie der Bundesrepublik Deutschland, hier verarbeitet er die Ereignisse der Adenauer-Ära.

Hier wird ein "typisierter" Mittelklasse-Mann gezeigt, der an den ökonomischen aber auch familiären Umständen zerbricht und sich aus Kummer über seine Familie und seine verpasste einzige Liebe langsam und tragisch zu Tode trinkt. Er ist zudem der erste Film des jungen deutschen Autorenkinos, der sich dieses Themas annimmt.

Jahre später erregt Fassbinders Spielfilm Angst essen Seele auf (1974) großes Aufsehen. Thema des Films ist die subtil vermittelte und dargestellte Liebe zwischen einer alternden deutschen Putzfrau (Brigitte Mira) und einem jungen marokkanischen Gastarbeiter. Der Berlinale Erfolg des selben Jahres gelingt ihm durch die Fontane Verfilmung von Effi Briest.

1977 findet schließlich - da bereits in aller Welt in aller Munde - das New Yorker Fassbinder-Festival mit 12 seiner Filme statt. In den USA gilt Fassbinder als der "faszinierendste, fruchtbarste, originellste junge Filmemacher in Westeuropa". (zu seiner Rolle als Repräsentant Deutschlands)

Auffällig an den Filmen seiner zweiten Schaffensphase ist, das sie oftmals mit dem Selbstmord enden. Das selbstzerstörerische Potential ist klar ersichtlich, nicht nur bei den dargestellten Vertretern des Kleinbürgertums, sondern auch bei den Protagonisten der Gegenwelt. Die Flucht aus der gegebenen Welt wird zu einem Ritual und endet oftmals mit dem Tod.

HomeEinleitungSchaffensphasen123WebtippsKontakt
FilmographieNeuer Deutscher FilmPolitsche Linke